Milliardenverschwendung mit der SonneEine Studie enthüllt: Beim Ausbau der Solarenergie werden Milliarden verschleudert - vor allem, weil die Energiepolitik in der EU nicht abgestimmt ist. Gerade in Deutschland mache die Erzeugung von Solarenergie mit aufwendigen Anlagen wenig Sinn, schreiben die Autoren - und haben Lösungen parat.
Foto eines Sonnen-Beobachtungssatelliten: Solaranlagen kommen den deutschen Energieverbraucher teuer zu stehen. Quelle: dpa
DÜSSELDORF/MONTREAL. Die Sonne ist umsonst" - diese Meinung wird von vielen vertreten. Der SPD-Politiker Ludwig Stiegler hat den Satz gesagt, der Journalist und Querdenker Franz Alt und viele Bundestagsabgeordnete der Grünen auch.
Die Wahrheit aber ist: Wer der Sonne die Sonnenenergie abtrotzen will, muss tief in die Tasche greifen. Vor allem die Deutschen zahlen für ihre Art der Solarförderung wahnwitzige Summen. Auf 120 Milliarden Euro schätzt das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI die Kosten für die Energieverbraucher - Kosten, die allein durch die bis Ende 2011 auf deutschen Dächern und Feldern installierten Solaranlagen entstehen.
Aus zwei Gründen ist diese Form der Förderung die teuerste von allen. Durch die nur kleinen Flächen der Hausdächer wird eine massenhafte Energieerzeugung in der denkbar kleinteiligsten Form organisiert und: In Deutschland scheint die Sonne vergleichsweise selten.
Dennoch ist Deutschland beim Ausbau der erneuerbaren Energien in Europa Spitzenreiter - und will das auch bleiben. Im neuen Energiekonzept, das die Regierung vorgelegt hat, soll die dauerhafte Wende zum grünen Strom gelingen. Bis 2050 will man 80 Prozent des Elektrizitätsbedarfs daraus decken. Eine "Revolution" sei das, behauptet Kanzlerin Angela Merkel.
Ökonomisch unsinnig wird die Förderung erneuerbarer Energien auch dadurch, dass jedes Land in Europa hier sein eigenes Tempo, seine eigenen Richtlinien und Vorlieben verfolgt. Politik paradox: Es gibt in Europa eine Währung, über Europa scheint eine Sonne, und dennoch macht jeder beim Ausbau der Solarenergie, was er will.
Auf Zusatzkosten von mehr als zwei Billionen Euro - das sind zweitausend Milliarden - schätzt die Unternehmensberatung McKinsey die Kosten für nationale Alleingänge innerhalb der EU. Das geht aus einer umfassenden Studie hervor, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.
Laut der Studie ist die Ausgangslage wie folgt: Selbst wenn sich die Mitgliedstaaten abstimmen, wird der radikale Umstieg auf erneuerbare Energien von 2020 bis 2050 mindestens 6,6 Billionen Euro kosten. Jedenfalls dann, wenn die EU-Vorgaben eingehalten werden sollen: Denen zufolge müssen die Mitgliedstaaten den Ausstoß des klimaschädlichen CO2 bis 2050, verglichen mit dem Basisjahr 1990, um 80 Prozent senken. Gleichzeitig sollen dann 80 Prozent des Stroms mit Wind, Sonne, Wasser oder Biomasse produziert werden - dreimal mehr als für 2020 geplant.
Sollten die Mitgliedstaaten wie bisher nur ihre nationalen Interessen verfolgen und sich weiterhin nicht abstimmen, würden die Kosten um noch einmal 30 bis 35 Prozent höher liegen.
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Der Mix der Zukunft
Um das zu verhindern, sollte nach Ansicht von McKinsey der Strom da produziert werden, wo die Sonne am meisten scheint - also in Südeuropa. Und die Windräder sollten am besten da stehen, wo stets eine steife Brise weht - also in Küstenregionen, vorzugsweise im Norden.
Davon aber will niemand etwas wissen. "Es gibt kein konsistentes Regelwerk innerhalb der EU", sagte Leonhard Birnbaum, Strategie-Vorstand bei RWE, am Rand des Weltenergiekongresses in Montreal. Ziele und Regeln stünden oft im Widerspruch zu den Konzepten der Mitgliedstaaten, die völlig unterschiedliche Schwerpunkte setzten.
Birnbaum wurde in Montreal deutlich wie selten ein deutscher Energiemanager: "Die starke Förderung der Photovoltaik an so einem ungünstigen Standort halte ich für einen volkswirtschaftlichen Skandal", sagt RWE-Manager Birnbaum.
Während in Deutschland über das nationale Energiekonzept gestritten wird, sitzen in Montreal die Manager der globalen Energiewirtschaft zusammen. Auf der Weltenergiekonferenz, die nur alle drei Jahre abgehalten wird, diskutieren sie über die wirklich großen Themen: Wie lange reichen Öl und Gas denn noch? Wie lässt sich der gigantische Energiehunger Indiens und Chinas stillen? Wie können die vielen Menschen in Entwicklungsländern, die noch immer keinen Strom haben, angeschlossen werden?
Der Streit über die Laufzeitverlängerungen für deutsche Kernkraftwerke oder die Subventionierung von Wind und Sonnenstrom, der in Deutschland die Gemüter erhitzt, relativiert sich.
Vor den Kollegen aus aller Welt platzt RWE-Strategievorstand Leonhard Birnbaum angesichts der Kleinstaaterei auf Europas Energiemarkt der Kragen. Unklarheiten und widersprüchliche politische Konzepte bescherten der Branche in ganz Europa eine schwierige Startposition bei der Umstellung des Energieversorgungssystems auf die Erneuerbaren, schimpft er. "Wir sind abhängig von der Politik und müssen zusehen, den gesetzlichen Rahmen irgendwie auszufüllen. Das ist angesichts vieler Widersprüche nicht leicht", sagt Birnbaum. Es bestehe die Gefahr von Fehlinvestitionen. "Dabei sollten wir unser Kapital zusammenhalten und nur dort einsetzen, wo es wirklich Sinn macht."
Die Berater von McKinsey weisen die Richtung. Sie haben ausführlich analysiert, wie sich die Stromversorgung ändern muss, damit die EU ihre ambitionierten Klimaschutzziele am besten erreichen kann. Gemeinsam mit Wissenschaftlern berechneten sie mehrere Szenarien, um Unterschiede in den Kosten herauszuarbeiten. Unter anderem verglichen sie das Szenario, mit dem Europa am kostengünstigsten die Trendwende zu erneuerbaren Energien erreicht, mit der derzeitigen Praxis, die Stromversorgung mit nationalen Energieplänen voranzutreiben - wie es derzeit die Bundesregierung versucht.
Die Rechnung ist simpel: Grüner Strom sollte dort produziert werden, wo jeweils die Bedingungen am besten sind. Solaranlagen sind in Südeuropa und gebenenfalls Nordafrika am effizientesten, wo die Sonne am stärksten strahlt. Windräder drehen sich dort am besten, wo der Wind am stärksten und längsten bläst und sich die Anlagen am günstigsten bauen lassen - beispielsweise vor der britischen Küste. Länder in Zentraleuropa, die zwar viel Industrie haben, wo die klimatischen Bedingungen für erneuerbare Energien aber vergleichsweise schlecht sind, sollten dagegen ihr Geld nicht mit unrentablen Investitionen vergeuden, sondern immer mehr Strom importieren. Für Deutschland würde die Importquote 2050, wenn Europa den günstigsten Weg einschlägt, bei fast der Hälfte liegen.
Im günstigsten Szenario bleibt die Kernenergie McKinsey zufolge unverzichtbar. Sie sei mit Blick auf die Kosten die "optimale Lösung", heißt es in der Studie. Sie wird 2050 europaweit noch 13 Prozent der Stromerzeugung decken. Kohle- und Gaskraftwerke werden dagegen nach und nach von den erneuerbaren Energien verdrängt - auch wenn Kohle und Gaskraftwerke dank der geplanten Abscheidung des klimaschädlichen CO2 als Brückentechnologie überleben können. Sieben Prozent werden die fossilen Energieträger 2050 noch abdecken. 53 Prozent des Stroms stammen von Wind-, Solar- oder Biomasseanlagen in Europa. 13 Prozent steuern Wasserkraftwerke bei, die als Reservekapazitäten wichtig sind, um die schwankende Einspeisung von Wind und Solarkraft auszugleichen. McKinsey kalkuliert zwar auch das Wüstenstromprojekt Desertec mit ein, das aus Nordafrika Solarstrom nach Europa importieren will. Es würde im idealen Fall 14 Prozent des Stroms liefern. Sollte sich das ambitionierte Projekt nicht verwirklichen lassen, könnte das zwar auch mit Anlagen innerhalb Europas ausgeglichen werden, heißt es in der Studie. Dadurch würden sich die Kosten aber noch einmal um 300 bis 400 Milliarden Euro oder fünf Prozent erhöhen.
Um den Strom von den Kraftwerken zum Verbraucher zu bringen, wären McKinsey zufolge zwar gewaltige Investitionen in das Stromübertragungsnetz nötig. Die Kapazitäten der Höchstspannungsleitungen müssen sich verfünffachen. Trotzdem sei das viel günstiger, als die Erneuerbare- Energien-Techniken bei den Stromverbrauchern zu bauen, sagt McKinsey-Partner Thomas Vahlenkamp.
Die Realität sieht freilich anders aus: Nach dem Energiekonzept, das die Bundesregierung jüngst präsentierte, will Deutschland selbst Strom in großen Mengen aus erneuerbaren Energien produzieren. 2050 sollen Wind, Sonne & Co. 80 Prozent der Stromerzeugung decken. Derzeit sind es gerade einmal 16 Prozent. Hierzulande entstehen massenweise Solaranlagen, obwohl die Sonne wesentlich weniger stark scheint als in Südeuropa, und in Nord- und Ostsee werden riesige Offshore-Windparks geplant, obwohl diese wegen des Schutzes von Watt- und Boddengewässern viel weiter vor der Küsten, viel tiefer und damit viel teurer gebaut werden als beispielsweise in Großbritannien.
Und auch der Netzausbau kommt nur schleppend voran. Allein bis 2020 wäre eine Verdoppelung der Kapazitäten der Höchstspannungsleitungen nötig - in der Planung ist davon aber gerade einmal die Hälfte. Wenn man bedenke, dass der Bau einer Leitung einen Vorlauf von 10 bis 15 Jahren habe, dränge die Zeit, sagt Vahlenkamp.
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"Natürlich ist eine vollkommen abgestimmte EU-Energiepolitik unrealistisch", weiß Vahlenkamp, "es gibt aber eine pragmatische Alternative zu Alleingängen: regionale Kooperationen." Deutschland könnte versuchen, mit Ländern in der Nähe zu kooperieren. Es könnte Wind von der französischen Atlantikküste importieren, Solarstrom aus Italien und Wasserkraft aus Skandinavien und dafür die Netze zielgerichtet zu diesen Ländern ausbauen. "Das wäre immer noch günstiger als alles allein zu machen."
Die großen Energiekonzerne versuchen den nationalen Ansätzen der Politik zum Trotz, sich europäisch aufzustellen. Eon und RWE investieren explizit dort, wo sie bei erneuerbaren Energien den größten Ertrag erwarten, bauen Offshore-Windparks vor der britischen Küste oder Solarthermie-Anlagen in Spanien.
Vielleicht kann die Politik diesmal von der Wirtschaft lernen
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/solarenergie-milliardenverschwendung-mit-der-sonne;2656203;3
