Der Treckermarkt ist in Bewegung
Als es schon niemand mehr zu hoffen gewagt hatte, öffnete sich plötzlich ein riesiger landwirtschaftlicher Raum im Osten - u.a. für die Traktorhersteller. Die Händler und Unterhändler von John Deere, Ford, Deutz, Fendt, Massey Ferguson, Mercedes-Benz, Renault, Fiat, Mc Cormick, Lindner, Kramer. Schlüter, Same, Steyr. New Holland usw. machten sich sofort auf den Weg. Und dort war man auch ganz scharf auf die neue Westtechnik, aber bis sich ein Händler- und Reparatur- sowie Ersatzteil-Netz mit “Stützpunkten” aufgebaut hatte, kam schon der Rubelverfall - und die meisten Bestellungen wurden erst einmal storniert.
Umgekehrt hatten sich aber auch die weißrussischen, tschechischen und rumänischen Traktorbauer mit ihren Marken Belarus, Zetor und (dem nahezu baugleichen) Ursus inzwischen bemüht, auf dem Westmarkt Fuß zu fassen. Das gelang ihnen auch, denn die Westtrecker werden immer teurer und reparaturanfälliger, während die Osttrecker auf den Landmaschinenmessen schon allein wegen ihrer Preise Neugierige anziehen. Jetzt stehen wahrscheinlich Fusionen und feindliche Übernahmen an - z.B. in Polen bei dem Lanz-Bulldog-Nachbauer Ursus.
Auch in Sachsen-Anhalt hatte ein DDR-Traktorwerk, das zum Kombinat “Fortschritt” gehörte, überlebt. 1993 übernahm die “Landtechnik Schönebeck” (LTS) die Produktion der bayrischen Schlütertraktoren, zwei Jahre später gab die Treuhand-Firma diesen Traktorbau jedoch wieder ab - an die bayrische Egelseer GmbH, stattdessen führte sie dann mit geringfügigen Veränderungen den Bau des “MB-Trac” von Mercedes-Benz weiter. Daneben wurden in Schönebeck noch Feldhäcksler und kommunale Mehrzweckfahrzeuge hergestellt.
Ende 1998 rückten 300 wütende LTS-Mitarbeiter mit ihren Produkten bei der Treuhand-Nachfolgerin BvS am Alexanderplatz an. Den Haupteingang hatte eine Voraus-Brigade kurz zuvor bereits mit einem Transparent verhängt: “Traktorenwerker aus Schönebeck kämpfen um ihre Arbeitsplätze”. Die riesige westdeutsche Landtechnik-Konkurrenz Claas war an einer Übernahme der LTS interessiert, die immer noch nach Osteuropa und sogar darüberhinaus lieferte - damals beispielsweise gerade 16 Feldhecksler in den Irak.
1997 hatten die Traktorenwerker schon einmal mit einer “Mahnwache” vor der BvS protestiert. Damals wollte das westdeutsche Unternehmen Liebherr ihren Betrieb übernehmen, aber die BvS ließ den Interessenten abblitzen. Den Protestierenden vor der Tür versprach damals “ihr” Privatisierungsmanager Schwegmann, das Liebherr- Konzept noch einmal zu prüfen, aber am Ende wurde nichts daraus. Ähnliches befürchteten die Schönebecker jetzt erneut: “Die BvS tut nur so, als würde sie ernsthaft verhandeln, in Wirklichkeit will sie uns abwickeln.” Ihr IG-Metall-Bevollmächtigter Detlev Kiel nannte die Behörde einen “Sauhaufen”. Diesmal wollte ein “harter Kern” der Schönebecker deswegen so lange ausharren, bis sie ein “konkretes Ergebnis” der Verhandlungen zwischen der Firma Claas und der BvS mit nach Hause nehmen könnten: “Notfalls bleiben wir bis Weihnachten.” Für die darauffolgenden Wochen oder gar Monate hatte die IG Metall ihnen Nachtquartiere besorgt, außerdem ein geräumiges Wohnmobil als Infozentrum, sowie Campingmöbel, Handys und jede Menge Regenschirme.
Ihre Feuertonne brannte bald die ganze Nacht. Sie wurde von verfrorenen Journalisten umlagert. Auch die Presseleute waren nicht gut auf die BvS zu sprechen: Die Treuhand-Nachfolgerin hatte nur noch eine Pressesprecherin und die mußte sich erst einmal kundig machen. Gegen Mittag begab sie sich mutig in die wütende Menge: beschwichtigte, vertröstete und steckte schweigend Beleidigungen weg. “Es ist wieder wie früher”, meint ein Pressefotograf aus Hamburg zynisch. Etwas hatte sich aber doch geändert: “Jetzt sind es konkret die Banken, die den letzten BvS-Betrieben den Todesstoß versetzen und damit die Arbeitsplatzpolitik der neuen - rotgrünen - Regierung abbremsen.”
Den Traktorbauern drohte bereits die Gesamtvollstreckung, nachdem das Landgericht Berlin ihre Klage gegen die BvS abgewiesen hatte. Es ging dabei um einen Kredit der Deutschen Bank in Höhe von 4,3 Millionen DM, für den die BvS 1992, als alleinige Gesellschafterin der Landtechnik Schönebeck, gebürgt hatte. In der Zwischenzeit war der Betrieb über eine Management KG, die Lintra GmbH, privatisiert worden. Deren Hauptgesellschafter, unter anderem der ehemalige McKinsey-Unternehmensberater Emans, zogen sich jedoch schon bald aus dem “Ost-Geschäft” zurück. Die Landtechnik Schönebeck (LTS) fiel zusammen mit der Lintra quasi wieder an die BvS, die daraufhin eine Zweitprivatisierung versprach.
“Seit 1990 hatten wir 12 Geschäftsführer und wahrscheinlich ebenso viele Unternehmensberater in unserem Betrieb gehabt, insgesamt wurden dafür, sowie für Abfindungen und Fehlinvestititionen, Kredite in Höhe von über 100 Millionen DM verbraucht”, faßte der LTS-Betriebsratsvorsitzende Udo Simon das Wirken der BvS in seiner Firma zusammen.
Zur Übernahme durch Claas kam es nicht, weil zwar die sachsen-anhaltinische Regierung finanzielle Unterstützung versprach, nicht jedoch die BvS. Diese weigerte sich sogar, weiter für die von ihr damals verbürgten Kredite geradezustehen, so daß die Deutsche Bank alle LTS-Konten inklusive Guthaben sperrte. Die LTS-Geschäftsführung mußte daraufhin die Treuhand-Nachfolgeorganisation verklagen. Die Traktorbauer sowie auch die IG Metall waren sich sicher, daß die BvS ihren Betrieb schon seit langem abwickeln wollte und nur vorgab, an seiner Zweitprivatisierung zu arbeiten. Bereits 1997 sei der BvS-Leitungsausschuß davon ausgegangen: “Die sind sowieso bald in der Gesamtvollstreckung!” Der BvS-Chef Bohn hätte ihnen dann Anfang 1998 “Herzliches Beileid” gewünscht. Als der Richter am Landgericht die Klage der LTS abwies und damit die Pfändung ihrer Konten freigab, tröstete er die Kläger zwar: “Das hat die BvS noch nie gemacht!”, aber bei der LTS war man sich da nicht so sicher: Angeblich hätte “ihr” BvS-Privatisierungsmanager Schwegmann noch am selben Tag die Landesregierung Sachsen-Anhalts informiert: “Jetzt stellen wir fällig!” Das sollte heißen: Jetzt ist die LTS endlich am Ende. Die BvS- Sprecherin verkündete jedoch weiterhin stereotyp: Es sei noch alles offen - d.h. nichts entschieden!
Es ging dann so weiter, daß statt des Erntemaschinenherstellers Claas die Doppstadt GmbH, eine Firma für Kiesabbaumaschinen und Recyclingstechnik aus Kelve, die LTS übernahm - mit ungefähr der Hälfte der Belegschaft. Dafür investierte sie jedoch und baute das Vertriebsnetz aus, im nahen Calbe beteiligte man sich außerdem an einem Landmaschinenhandel.
Die Schönebecker Tracs - mit 80, 180, 200 und 280 PS - werden inzwischen nach Japan, China, Südeuropa und sonstwohin verkauft. Dort hat “MB” einen besonders guten Klang.
Hierzulande ist der Landmaschinenkäufer jedoch eher konservativ. Und der erste Treckerkauf ist für jeden Bauer ein “Schlüsselerlebnis”. Er bleibt bei seiner Traktormarke. Obwohl der Traktor ansonsten ein Symbol für allerlei rustikale Wünsche ist - seitdem er beim Aufbau der Sowjetunion eine herausragende Rolle auf dem Land spielte.
In der legendären russischen Traktorenfabrik, in Wolgograd, die eine eigene Zeitung “Traktor” herausgibt, heißen erst die landwirtschaftlichen Zugmaschinen mit Ketten “Traktoren”, was die Umrüstung der Fabrik in eine Panzerproduktionsstätte erleichtert. Hier würden wir solche Traktoren eher Bulldozer nennen.
Was meint ihr zu dem Text?
Quelle: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/200 ... rn-alltag/
EDIT: Habe hier noch was gefunden, sogar mit Bild aus der Produktion: http://lexikon.meyers.de/pa/Landtechnik ... ck+2844103
EDIT: Und noch was: http://lexikon.meyers.de/pa/LandTechnik ... +Text+1996)+9742575
UND noch was:
http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... index.html
Bilder vom Werk heute: www.myvideo.de/watch/5395089/Traktorenwerk_Schoenebeck
Bericht mit einigen Rechtschreibfehlern, aber inhaltlich gut: http://.de/Landrat/Pressearbeit_neu/200 ... .htmericht mit einigen Fehlern:

