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Agrargeschichte der Industrialisierung

Hier ist Platz für alles was auf dem Acker wächst ;-).
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16 Beiträge • Seite 1 von 2 • 1, 2
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Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon ernesto » Di Mär 23, 2010 14:09

Hallo,

ich studiere Geschichte und arbeite gerade an einem Aspekt der Agrargeschichte Englands vor und zur Zeit der Industrialisierung. Meine These ist, dass die Produktivitäts(!)steigerung der Landwirtschaft in diesem Zeitraum auch mit der Entlastung der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Nutzungsarten zusammenhing, die nicht der Produktion von Nahrungsmitteln diente. (In dem Sinne vll. auch heute interessant zur Frage der Biomasse-Energieerzeugung). Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Ablösung von Brennholz durch fossile Kohle. Um einen derartigen Nutzungswandel historisch nachzuvollziehen, kann man natürlich nicht ganz England untersuchen und daher stellt sich mir die Frage der regionalen Eingrenzung meiner Arbeit. Genauer, nehme ich mir eine Gunstregion vor, oder eine Ungunstregion.

Frei werden ggf. als intensiver Niederwald genutzte Flächen, die für den Ackerbau unterhalb der Marginalitätsschwelle liegen. Frei werdende Flächen werden also entweder als Weide oder als Waldweide genutzt werden. Das ist kein Problem, denn die englische Bevölkerung stagnierte bis ins 18.Jh. ein höherer Getreidebedarf bestand also nicht, es sei denn: :prost: . Etwas konterintuitiv bin ich auf den Trichter gekommen, dass ein Zuwachs, auch ackerbaulich marginaler Flächen, in Gunstgebieten, die sich auf die Produktion von Getreide spezialisiert haben (in diesem Falle die engl. Ostküste) größere positive Auswirkungen hat, als in Ungunstgebieten, die vornehmlich Viehzucht betreiben (der Westen Englands).

Das scheint mir zumindestens sinnvoll, wenn vier Vorannahmen plausibel sind:
1. Agrarische Produzenten maximieren den Nutzen ihres Besitzes.
2. Eine Nutzenmaximierung kann zu interregionaler Spezialisierung führen, da Warenaustausch von Agrarprodukten möglich ist.
3. Ein landwirtschaftlicher Betrieb benötigt vor dem Verfügbarwerden mineralischer Düngemittel eine lokale idR integrierte Düngemittelquelle. Das Verhältnis von Viehproduktion zu Getreideproduktion kann also im Schnitt auch in auf Getreideproduktion spezialisierten Betrieben nicht unter einen bestimmten Wert fallen.
4. Die Nachfrage nach Getreide ist unelastisch, die Nachfrage nach Fleisch wächst bei steigenden Reallöhnen, was während des Untersuchungszeitraumes der Fall ist.
5. In einem landwirtschaftlichen Gunstgebiet wird der Anteil des Weidelandes nicht durch dessen Marginalität für den Ackerbau, sondern durch das minimale Verhältnis von Viehzucht zu Ackerbau bestimmt. Dies führt dazu, dass in landwirtschaftlichen Ungunstgebieten ab einer bestimmten Getreidenachfrage Boden für Ackerbau verwendet werden muss, der geringere Erträge bringt, als Boden der in Gunstgebieten für Viehzucht verwendet wird.
6. Vor dem Freiwerden von Boden aus der energetischen Nutzung (Niederwaldplantage) gilt bereits regional (Nieder)Wald steht auf schlechtem Weideland, Weideland steht auf schlechtem Ackerland.

denn dann wird auch wenn Flächen hinzukommen, die momentan im Gunstgebiet unterhalb der Marginalitätsschwelle für Ackerland liegen, nunmehr in Ackerland umgewandelt. Im Ungunstgebiet wird eine noch größere Fläche Ackerland zu Weideland. Die (Flächen)Produktivität des Ackerbaus ist also gestiegen. Ebenso ist aber die (Flächen)Produktivität und Produktion von Vieh gestiegen. Beides ist im England des 17.-19. Jh der Fall.
Andersherum, wenn in Ungunstgebieten zusätzliches Weideland frei würde, würde sich zwar die Produktion, nicht aber die Produktivität der Viehzucht erhöhen, der Getreideanbau bliebe vollkommen unberührt.

Das Modell soll erstmal ausschließlich die Auswahl einer bestimmten Region legitimieren und nicht den Produktivitätszuwachs der englischen Landwirtschaft erklären noch soll damit im Umkehrschluss meine eigentliche These gestützt werden (die ist letztlich davon abhängig, inwieweit in dem untersuchten Gebiet tatsächlich Flächen für die Nahrungsmittelproduktion erschlossen wurden).

Meine Frage ist, sind meine Annahmen und die These in den Augen des hier versammelten Sachverstandes plausibel (insbesondere Annahme 3 und 5?

(Bitte zu bedenken, dass wir uns in einer Zeit vor Eisenbahn und Mineraldünger befinden und Gülletrain is not a viable option)


mfG und vielen Dank im Voraus
Ernesto
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon SHierling » Di Mär 23, 2010 14:28

Was Du da ab Punkt 3. annimmst, ist dann allerdings Raubbau - das muß Dir dann dabei klar sein (?)

3. Ein landwirtschaftlicher Betrieb benötigt vor dem Verfügbarwerden mineralischer Düngemittel eine lokale idR integrierte Düngemittelquelle. Das Verhältnis von Viehproduktion zu Getreideproduktion kann also im Schnitt auch in auf Getreideproduktion spezialisierten Betrieben nicht unter einen bestimmten Wert fallen.

Du mußt jeweils den gesamten Betrieb sehen. Ein Betrieb, der Produkte VERkauft, muß in dem Maße, wie er verkauft, auch wieder Düngemittel / Nährstoffe ZUkaufen, alles andere führt langfristig dazu, daß die Böden verarmen und/ oder versauern (=Raubbau).

Der Rest ergibt sich daraus - ob jemand mehr oder weniger Zukauft und mehr oder weniger Vieh hält, liegt - imho - an Boden und Klima, nicht am Dünger. In Gegenden mit absolutem Grünland wirst Du nie irgendwas anderes finden als Vieh, und in Gegenden mit bestem Lösboden sind die Erträge halt so hoch, daß Vieh nur Geld kostet, und Dünger kaufen billiger ist.
Am Dünger kannst Du das nicht festmachen, wenn schon, dann imho am Preis.
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon ernesto » Di Mär 23, 2010 17:22

Hallo,

Danke für die schnelle Antwort.

Wie ich geschrieben habe: Es gibt m.W. keinen Düngemittelzukauf in nennenswertem Umfang bis in die Mitte des 19. Jh. und der Zeitraum der mich hier insbesondere interessiert sind just die 200 Jahre vor der Mitte des 19. Jh.

Mergel der wohl relativ häufig auch davor verwendet wurde, liefert kaum zusätzliche Nährstoffe. Nahrungsmittel, die an eine externe Bevölkerung abgegeben wurden waren für den Nährstoffhaushalt des Bodens weitestgehen verloren (abgesehen vll vom unmittelbaren Umland der Städte) und wurden nicht durch externe Düngerzufuhr ersetzt. Das sind zwar nicht wie heute vll. 95% der Produkte, sondern vll nur 50% oder noch weniger, die außerhalb des Dorfes wieder ausgeschieden werden, aber das die vormoderne Landwirtschaft eine Nährstoff-Defizit-Landwirtschaft war ist mir klar. Gegenwirkend gibt es eine gewisse Nährstoff-Konzentrationswirtschaft ungeplant (Das Vieh frisst in der Peripherie, scheißt ggf im Stall und der Bauer fährt das dann aufs Feld) oder geplant (z.B. Plaggenhub, Waldstreu). Dann haben wir noch ggf. das (ungeplante?) Wachstum von Leguminosen in der Brache und die Verwitterung der unteren Bodenhorizonte, resp. Anwehung/Anschwemmung. Entsprechend sind dann auch die Verhältnisse von Aussaat:Ernte von nicht mehr als 1:10, wobei in Stadtnahen Gebieten in Flandern angeblich schon für das Mittelalter auch 1:23 erreicht wurden.

Gewissermaßen begründet das meine These, dass jeder Bauer damals Vieh braucht, das hinter seinem Rücken Nährstoffe aus der Peripherie seiner Landwirtschaft (Weiden, Wald) auf die Felder trägt und eben nicht nur im Wechsel der Brachen von Feld zu Feld weidet. Würden nun diese "Nährstoff-Entnahme"-Flächen unter den Pflug genommen werden, würde letztlich die Produktivität der Gesamtfläche an Getreide abnehmen. Ich stelle mir das so vor, dass eine Flächenaufteilung Vieh:Getreide von 20:80 einen kontinuierlichen Ertrag von 100 Getreide erbringt und eine Aufteilung 0:100 eben ebenso 100 oder gar weniger. Ergo wird ein Bauer/ein Dorf, auch wenn er/es zu 100% tollstes Ackerland hat, eben jene 20% als Weide nutzen. Wenn ich in heimatliche Gefilde (Lößgebiet) schaue, haben auch dort die (älteren) Höfe idR einen größeren Stall als ich mir das allein aufgrund der Zugtierhaltung erklären könnte.


Interessant wird das Ganze, wenn jetzt unser Dorf i10 Flächeneinheiten Niederwald von einer Gießerei bekommt, weil die von Holzkohle auf Steinkohle umgestiegen ist. Ich rechne das mal mit fiktiven Zahlen vor, wie ich es mir vorstelle (nur zur Verdeutlichung, ob die Differenz jetz 1 oder 8 ist, ist erstmal belanglos, sofern sie positiv bleibt):

die Vieherträge pro Fläche seien etwa identisch 1 pro Flächeneinheit (ich weiß, dass das eine Vereinfachung ist. Ausgedrückt werden soll, dass sich der Viehertrag/Flächeneinheit in einer flacheren Kurve zu den Standortbedingungen verhält, als Ackerfrüchte, das stimmt soweit oder?)
vorher:
Gunstgebiet (Getreideertrag 1 Einheit pro Flächeneinheit) Ungunstgebiet (Getreideertrag 0,5 E pro Flächeneinheit)
Ackerland 80 40 =100
Weideland 20 60 = 80
Niederwald 10

nachher 1 bei Zugewinn im Gunstgebiet (Getreidenachfrage identisch, umstellung auf fossile Brennstoffe)
Ackerland 88 24 =100
Weideland 22 76 = 98

nachher 2 bei Zugewinn im Ungunstgebiet
Ackerland 80 20 =100
Weideland 20 70 =90

Das spielt sich m.E. etwa so ab unter der Bedingung, dass von den 20 Weideland "vorher" im Gunstgebiet mindestens 10 Weideland sind, die eine höhere Bodenfruchtbarkeit als die 16 Ackerland im Ungunstgebiet haben. Nach Annahme 1-2 ist das allerdings reichlich unwahrscheinlich. Nun habe ich aber die (unsichere) Erfahrung, dass auch in Gunstgebieten idR vormoderne landwirtschaftliche Betriebe noch beträchtliche Viehbestände haben, die s. Annahme 3 durchaus mit einem wirtschaftlichen Kalkül erhalten werden, auch wenn das Weideland auf dem sie grasen ggf. einen höheren Getreideertrag bringen könnte als Ackerland in einem Ungunstgebiet.
Dummerweise bin ich allenfalls ein interessierter Laie auf dem Gebiet, daher die Frage an die Experten, ob sie diese diffuse Erfahrung bestätigen können, und/oder das betriebswirtschaftliche Kalkül so wie ich es mir vorstelle plausibel finden und/oder alternative Erklärungsansätze anzubieten haben. Wiederum unter der Bedingung, das zeitentsprechend keine wesentliche externe Düngemittelzufuhr besteht.

mfg
Ernesto


PS: was ich bisher übersehen hatte, war die Brache, die bis ins 18. Jh. einen gewissen Viebestand geboten erscheinen lässt. Ggf wirft das meine Prämissen über den Haufen, wenn der Viehbestand nur so groß war, dass er nur zur Beweidung der Brache ausreichte, resp. insofern es keine allein zur Weidenutzung genutzten Flächen in Gunstgebieten gab, die später ackerbaulich genutzt wurden, weil die Differenz dann allein von der Standortgüte der neu verfügbaren Fläche und nicht mehr von der Standortgunst der bereits in landwirtschaftlicher Nutzung befindlichen Fläche abhängt. Mal schauen ob es frühe Flurkarten aus East Anglia gibt ... . Seit dem 18. Jh., also im zweiten Teil meines Untersuchungszeitraums und in dem Zeitraum, in dem der letzte große Holzkohleverbraucher, die Eisenverhüttung auf Steinkohle umstieg, gibt es dann aber die verbesserte Dreifelderwirtschaft und hierin wiederum die Möglichkeit sich auf Vieh (Klee als Zwischenfrucht) oder Nahrungsmittel (Kartoffeln, Hülsenfrüchte) zu spezialisieren. Für Erstere besteht die Konkurrenz auf Basis komparativer Kostenvorteile weiter, für Letztere nehme ich an, dass sich die Erträge ähnlich denen von Getreide im Hinblick auf Gunsträume verhalten? Viehbestände sind also ab dem 18. Jh. nicht mehr unbedingt durch brachliegende Flächen erklärbar.
Zuletzt geändert von ernesto am Di Mär 23, 2010 23:16, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon SHierling » Di Mär 23, 2010 18:00

Ich hab mich lediglich auf Deinen Vergleich zu den heutigen Zuständen beziehen wollen - deswegen der Hinweis auf den Zukauf, schien mir in Deiner Theorie eher ein "Hintergrundproblem" zu sein.

Ansonsten kenne ich mich in England weiter nicht aus, kann mir aber nach wie vor nicht vorstellen, daß es da irgendwo Flächen gab, die derartig variabel zu bestellen und von Grünland in Acker und zurück zu verwandeln sind (vor allem mit den damaligen Mitteln!) wie Du es Dir offenbar vorstellst - zumal die allermeisten "Bauern" ja gar keine Entscheidungsbefugnis darüber hatten, was denn angebaut werden sollte, und es für die wenigen *Klein*bauern auf dem Land abgesehen von lokalen Märkten keine großartige Markttransparenz gab, die einen Fruchtwechsel angemessen erscheinen lassen könnte. Ich stell mir das erheblich mehr von den landschaftlichen Gegebenheiten abhängig vor als vom "freien" Willen der Bauern.

Imho war die Zeit, die Du da beschreibst doch in etwa die Zeit Lockes ("Schafe fressen Menschen auf") , also ~grob gesagt Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus, allererste Anfänge einer EIgentumstheorie, ... da sehen meine Beschreibungen der Zeit und der Zustände auf dem Land etwas anders aus.

Aber wie gesagt, England ist auch nicht mein Hobby ;-)
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon ernesto » Di Mär 23, 2010 23:21

Hallo,

Die Relation von Ackerland hat sich in der Vergangenheit mehrmals geändert. Die großen Etappen sind dabei:
bis 4. Jh. Prägung auf Getreide und Rinderhaltung (Weide) für den Mediterranen Markt und die römischen Civitates
anschließend bis ca. 11. Jh. eine stärker durch Subsistenzwirtschaft geprägt Landwirtschaft mit verringerten Ackerflächen (Bevölkerungsrückgang) und viel Kleinviehaltun v.a. Schweine (Waldweide)
bis ca. 1350 massiver Ausbau der Getreideproduktion und Produktionsfläche allgemein (Landesausbau/Vergetreidung). Gleichzeitig eine Zunahme des marktmäßigen Austausches von Agrarprodukten wegen zunehmender Geldrentenzahlung und Aufgabe der adeligen Eigenwirtschaften, sowie Stadtwachstum.
dann ein massiver Einbruch der Bevölkerung (Pestwellen) und damit einhergehend die Aufgabe von Ackerflächen (Wüstungsperiode) und, wo die Reallöhne stiegen Ausweitung von Weideland für die Marktproduktion
bis Mitte des 17. Jh. steigt dann die englische Bevölkerung langsam wieder an und entsprechend die Getreideanbaufläche um dann bis Anfang des 18. Jh. zu stagnierend resp. sogar leicht zurückzugehen. Entsprechend sinkt der Getreidebedarf und spätestens ab dieser Zeit lässt sich eine Spezialisierung der landwirtschaftlichen Ungunstregionen des englischen Westens hin zu einer verstärkten Viehproduktion beobachten.
Das dabei ggf größere Investitionen an Arbeit nötig waren ist sicher zutreffend, aber die Trends waren ja entsprechend stabil, so dass es sich durch aus lohnen z.B. konnte ein Waldstück zu roden und zu verpachten.

Die Landnutzung war im 17. Jh. in England bereits sehr frei von feudalen Zwängen. Genau diesen Umstand beschreibt der Ausspruch von den menschenfressenden Schafen, nur eben für Westengland, wo komparative Kostenvorteile* mit Weidewirtschaft und nicht mit Getreideanbau erzielt werden. Dem gegenüber steht halt in Ostengland eine Spezialisierung auf Ackerbau-Landwirtschaft. Mit dem geht eine Steigerung der Agrarproduktivität einher, die zu erklären ist. Allein die Steigerung von Investitionen in eine bestimmte Fläche bringt diese m.E. schon wegen des Fehlens von künstlichen Düngemitteln bis ins 19. Jh. nicht hervor. Spezialisierung ist hingegen sicherlich der Hauptfaktor, da sie es erlaubt den Boden entsprechend der optimalen Nutzungsart zu verwenden. Dazu muss das feudale Landnutzungssystem zerschlagen werden. Wo Weidenutzung profitabler ist, weil Getreide billiger auf dem Markt zu kaufen ist, als es in einer Ungunstregion hergestellt werden kann, muss der Grundherr zum Kapitalisten werden und den Bauern auf die Straße setzen können. Wo Ackernutzung profitabler ist, muss der Grundherr genauso Kapitalist werden, die Almende enteignen, Investitionen zu deren Ackernutzung tätigen bzw. den Boden verpachten. Einen dritten Faktor stellt vielleicht die Entlastung des Bodens von seiner energetischen Nutzung dar (Substitution von Brennholz/Holzkohle durch fossile Steinkohle). Jetzt könnte man es sich einfach machen, eine Reihe von Regionen mit Eisenverhüttung anschauen (da diese noch recht leicht in Quellen zu erfassen ist). Wann wurde auf Steinkohle umgestellt, welche Flächenäquivalente Holz wurde eingespart, wurde die Weidefläche erweitert? Viola! Das Problem ist, auf diese weise würde man eine erhöhte Produktion von Vieh in England erklären, nicht jedoch eine erhöhte Produktivität der Viehproduktion und dazu noch der Getreideproduktion. Wenn aber mein eingangs erklärtes Modell passt, kann eine Beseitigung energetischer Flächennutzung durchaus einen vll. erheblichen Beitrag zur Erklärung der landwirtschaftlichen Entwicklung Englands vor und während der Industrialisierung leisten (und die Industrialisierung selbst war nicht unwesentlich von einer produktiven Landwirtschaft abhängig).


*) d.h. wenn eine Region gegenüber der anderen um weniger schlechter in einem Bereich (Viehzucht) ist als in einem anderen Bereich (Getreideanbau), dann erreichen beide bei beschränkten Ressourcen zusammen einen höheren Output, wenn sich die in beiden Bereichen besser bedachte Region auf den Bereich konzentriert, in dem sie einen größeren Vorsprung hat und der weniger gut bedachten Region den Bereich überlässt in dem sie zwar trotzdem bessere Ergebnisse erzielt, jedoch die Differenz der Regionen weniger ausgeprägt ist.

mfg
Ernesto


PS: Weil ich gerade beim Fragen bin, wie wirkt sich eigentlich die Bodenbearbeitung mit Grubber anstatt Wendepflug auf die Flächenerträge aus. Ich hab vor einiger Zeit ein paar Broschüren des zuständigen sächsischen Ministeriums überflogen (Unkraut und Schadpilze waren, wenn ich richtig erinnere, die einzigen erwähnten Nachteile der "schonenden Bodenbearbeitung") und der Mediävist in mir fragte sich natürlich sofort, ob der Wendepflug tatsächlich gegenüber dem Hakenpflug die Revolution war, als die er in der Literatur nicht selten dargestellt wird (OK, Unkrautbekämpfung ist händisch warscheinlich etwas härter). Darüber muss ich Ostern auch mal mit meinem Onkel im sorb'schen reden, der wird sich freuen, dass es "seine Leute" mit ihrem Haken damals schon richtig hatten, wärend sich die dummen deutschen 800 Jahre mit ihrem Wendeplug geplagt haben. :mrgreen:
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon hans g » Mi Mär 24, 2010 8:26

pfluglos,ackerbau ohne pflug :google:
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon SHierling » Mi Mär 24, 2010 9:20

Sry - aber für mich klingt das Ganze irgendwie, als wolltest Du mit irgendwelchen hahnebüchenen Bio-Marketing-Märchen die Geschichte erklären.

Unkraut und Schadpilze sind kein Kavaliersdelikt, im Gegenteil, deren Bekämpfung leistet die Gewähr für Ertrag und vor allem für genießbare Produkte! - Verpilztes Getreide kann nämlich nicht mal das Vieh fressen und Pilze kann man auch nicht "händisch bekämpfen"(Google Mykotoxine). Die Menschen sind früher reihenweise an solchen Vergiftungen gestorben, von Mutterkorn über Steinbrand & Co. Romantische Geschichtsverklärung, zurück in die Steinzeit und zum Hakenpflug - ist zugegeben heute wieder sehr modern, an allen Ecken und Enden, läuft im ferneren auch unter Bambi-Syndrom. Keine Ahnung, wie es früher zuging, aber "es war in jedem Fall besser" ist für mich keine gültige Aussage, die Leute sind nicht alle dämlich gewesen und haben den Pflug nicht aus Spaß entwickelt, sondern eben WEIL sie damit Vorteile hatten.

Nohmal zum besseren Verständnis: wie kommst Du auf die Idee, daß in "Ungunst"-Regionen Getreide billiger auf dem Markt zu erhalten wäre (auf welchem Markt?) ? LKW und Bahnverkehr? Oder denkst Du, das hat damals irgendwer mit dem Ochsenkarren da hingefahren? Siehe oben: ich denke nicht, daß die Markttransparenz derartig hoch war, und erst recht nicht, daß es sich für irgendjemanden gelohnt hat, die dünn besiedelten Regionen zu beliefern, zumal ein Handel von Futtergetreide ja so gut wie gar nicht existiert hat - das ist nicht mal bis zur nächsten Mühle transportwürdig gewesen., im Gegensatz zu Vieh, das selber laufen kann und von den natürlichen Grünlandregionen aus schon im MA über weite Strecken getrieben werden konnte.

Und das die Landnutzung ausgerechnet in England damals "sehr frei von feudalen Zwängen" war - mit Verlaub, es sind ausgerechnet in England fast alle Autoren hingerichtet worden, die auch nur im Ansatz von Freiheit oder Recht auf Eigentum geschrieben haben ...
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon ernesto » Mi Mär 24, 2010 16:41

Hallo,

keine Angst, es geht mir darum Hypothesen zu entwickeln, die anschließend selbstverständlich anhand von Quellen zu überprüfen wären. Geschichtsklitterung liegt mir fremd, genauso wie die Vorstellung, früher sei alles besser gewesen. Wenn ich den: :mrgreen: dahinter mache, kann man das Vorstehende durchaus als Scherz interpretieren :wink:

die Leute sind nicht alle dämlich gewesen und haben den Pflug nicht aus Spaß entwickelt


Genau die Prämisse, dass auch im "finsteren Mittelalter" die Leute nicht dämlich waren, zwingt mir die Frage nach der Ökonomie auf, die hinter der Einführung des Wendepfluges stand. Der Wendepflug war nämlich wahrscheinlich bereits in der Spätantike entwickelt worden. Trotzdem setzte er sich erst mit dem beginnenden Landesausbau im 11. Jahrhundert allgemein durch, östlich der Elbe auch mal locker 100 bis 200 Jahre, teilweise auch noch später. Ich kann mich jetzt aber nicht 20 Jahre hinstellen und je eine Scholle mit Wende- bzw. Hakenpflug bearbeiten (mmhh, :klug: : "Akademiker in die Produktion!"), also muss ich mich an heutigen landwirtschaftlichen Praktiken orientieren. Die Bodenbearbeitung ohne Pflug (also mit Grubber, danke Hans für das Stichwort) sehe ich dabei bodenmechanisch als dem Hakenpflug verwandt, weswegen ich dieses Fass aufgemacht habe. Wenn ich die Ergebnisse die mit der pfluglosen Bodenbearbeitung jetzt richtig interpretiere bringen sie tendenziell - wegen der Anreicherung von Humus - leicht höhere Flächenerträge. Auf der anderen Seite verlangen sie mehr Sorgfalt beim Einarbeiten von Streu und Dünger, damit Pilzbefall nicht entsteht und Unkraut in Grenzen gehalten wird. Was überbleibt wird heute mit Herbiziden/Fungiziden bekämpft. Diese Möglichkeit hatte die frühmittelalterliche Landwirtschaft natürlich nicht, also musste mit mehr Arbeit pro Fläche kompensiert werden um z.B. mehrmals und überkreuzend mit Hakenpflug zu überpflügen oder Unkraut händisch zu bekämpfen. Übrig bleibt vielleicht eine höhere Anfälligkeit mit Hakenpflug bearbeiteter Felder für Pilzbefall. Möglicherweise geht darauf die Nutzung eher kleinerer, dafür mehrerer Felder in dieser Zeit zurück, so dass bei Befall eines Feldes noch andere übrig blieben um über den Winter zu kommen (sofern das die für Pilzbefall typische Dynamik ist?). Wir haben also ggf. für den Hakenpflug einen höheren Flächenertrag, aber höheren Arbeitsaufwandt pro Fläche. Für den Wendepflug einen niedrigeren Arbeitsaufwand und damit die Möglichkeit pro Hof eine größere Fläche mit Getreide zu bestellen und insgesamt pro Hof einen größeren Überschuss zu liefern. Dies kommt zum Tragen, wenn die Grundherrschaften höhere Getreidezinsen abpressen oder eine wachsende nicht-bäuerliche Bevölkerung mit Getreide versorgt werden muss. Für die kleine Subsistenzproduktion von Getreide wie sie für die bäuerlichen Wirtschaften (nicht aber für die adeligen Eigenwirtschaften) des Frühmittelalters charakteristisch waren mag sich die Investition in ein schweres Gespann und in Rodung von Waldflächen nicht gelohnt haben oder die höheren Flächenerträge lohnten im kleinen Rahmen auch den höheren Arbeitseinsatz. Das Pilzproblem wird sich, zumal es ja ein graduelles ist, also nur mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit bei Wendepflug und Hakenpflug auftritt, wohl im Bewusstsein des Mittelalters nicht abgebildet haben. Die Verursachung des Antoniusfeuers durch das Mutterkorn war ja im Mittelalter auch unbekannt.

Dem gegenüber zwingt die "konventionelle" Verkürzung auf "der Räderpflug brachte höhere Bodenerträge" - Punkt - ja geradezu die Schlussfolgerung auf, die wären früher alle ein bisschen doof gewesen. Seit 4 n. Chr. steht der Wendepflug quasi in der Scheune und die einzigen die ihn anwenden sind ein paar französische Mönche.



wie kommst Du auf die Idee, daß in "Ungunst"-Regionen Getreide billiger auf dem Markt zu erhalten wäre (auf welchem Markt?) ? LKW und Bahnverkehr? Oder denkst Du, das hat damals irgendwer mit dem Ochsenkarren da hingefahren?


London allein beherberg im 17. Jah. über 7% (400.000 Ew), im 18. Jh. bereits über 10% der englischen Bevölkerung. Um 1800 knackt die Stadt die Millionengrenze. Der Einzugsbereich allein dieser Stadt an Nahrungsmitteln muss gewaltig gewesen sein. In einer Landschaft des hochmittelalterlichen Landesausbaus liegen Kleinstädte in einer Entfernung von etwa einem mittelalterlichem Tagesmarsch entfernt. Getreide das transportiert werden musste, musste also bis zu einer Distanz eines halben Tagesmarsches transportiert werden (etwa 10 km). In einem Abstand von ca. 50 km liegen größere Städte mit 5-10.000 Einwohnern mit entsprechend weiterem Einzugsbereich. Ein Teil des Getreides wurde also spätestens seit dieser Zeit regelmäßig über Distanzen von 25 km transportiert. Der Getreide-Einzugsbereich der Stadt Köln (30.000 Ew) im Spätmittelalter wurde von Franz Irsigler auf 50 km Ausdehnung bestimmt, nicht entlang des Rheins, oder radial um die Stadt, wie es bei Transportwegoptimierung zu erwarten wäre, sondern einseitig ins Herzogtum Berg. Ich sehe auch "betriebswirtschaftlich" kein absolutes Hindernis für einen Transport über Land. Die entsprechenden Zugtiere und Wagen waren vorhanden, sofern sie nicht für die Feldarbeit, die saisonal anfällt, benötigt wurden, war der einzige Kostenfaktor die Zufütterung der Zugtiere während der Reise. Höhere "Lohnkosten" traten nur auf, wenn der Fahrer über Nacht auswärts essen und schlafen musste. Zudem war jeder mittelalterliche Bauer gezwungen, einen teil seines Getreides zu verkaufen, nicht nur für seinen eigenen Bedarf an städtischen Waren, sondern v.a. weil er Geldrenten, später in England Pachten, zu zahlen hatte. Alternativ waren die Bauern dem Grundherren Spanndienste schuldig, so dass der seine Getreiderenten in der Stadt verkaufen konnte (im 17. Jh. bestanden in England m.W. diese Dienste nicht mehr, Transporte wurden als Lohnarbeit im Nebengewerbe von Kleinbauern ausgeführt).
Darüber hinaus hat England einen gewaltigen Vorteil: man ist nirgendswo weit weg vom Meer und Seetransport ist auch damals schon für voluminöse Massengüter wie Getreide relativ Kostengünstig. Flüsse und ein wachsendes Kanalsystem im 17./18. Jh. sorgen dafür, dass der größte Teil der englischen Landwirtschaft auch vor der Eisenbahn nicht sonderlich weit von billigen Transportmitteln entfernt ist (Die Eisenbahn verkürzt dann später in England v.a. die Transportzeit, nicht so sehr die Transportkosten). Schon im Spätmittelalter exportiert die Hanse Getreide aus dem Oder/Weichsel-Raum nach Westeuropa. Bis ins 16. Jh. zählt England zu den Netto-Importeuren, im 17. Jh entwickelt es sich zum Netto-Exporteur! Die Integration des englischen Landwirtschaftsmarktes und die Spezialisierung von Ost- und Westküste auf Vieh- resp. Getreideproduktion im 17. Jahrhundert ist soweit auch nichts, das ich mir persönlich zusammengereimt habe, sondern Konsens der englischen Wirtschaftsgeschichte.

Selbst wenn ein westenglischer Bauer noch für seinen Eigengebrauch ein wenig Getreide anbaut (häufig wird er auch dass nicht mehr tun, weil ihn der Eigentümer des Landes auf die Straße setzt, wenn auf seinem Land Vieh günstiger produziert werden kann), stellt sich noch die Frage, was er mit seinem übrigen Land macht. Getreide wird er idR nicht anbauen, weil Getreide in der nächsten Stadt zu den Preisen der Ostküste+Transportkosten zu haben ist, also idR billiger. Was aber in der nächsten Stadt teuer ist, weil es das Getreideschiff wieder mit an die Ostküste transportiert ist ggf. Vieh. Zumal, damit sinken auch noch die Transportkosten pro Einheit, da das Schiff hin wie rück ausgelastet ist. Ob der Bauer jetzt den nationalökonomischen Zusammenhang der Spezialisierung begreift ist recht bedeutungslos, solange er sieht, dass er mit Vieh einen höheren Preis erzielt als mit Getreide. Selbst wenn auch das der Bauer nicht sähe, sein Grundherr wird sehen, dass er mehr Gewinn macht, wenn er den Bauern von seiner Scholle jagt und sie zu Weideland macht. "Schafe [und Rinder] fressen Menschen", womit wir beim letzten Thema wären:


Und das die Landnutzung ausgerechnet in England damals "sehr frei von feudalen Zwängen" war - mit Verlaub, es sind ausgerechnet in England fast alle Autoren hingerichtet worden, die auch nur im Ansatz von Freiheit oder Recht auf Eigentum geschrieben haben


Hier bestehen wohl Irritationen über den Charakter feudaler Zwänge, den Zeitraum von dem ich spreche (17./18.Jh) oder die historische Situation in England in diesem Zeitraum. Thomas Morus, der dir hier vielleicht im Hinterkopf herumspukt ist eine Gestalt von Ende 15./Anf. 16. Jh., er wurde nicht hingerichtet, wegen seiner Utopia, sondern weil er sich als Katholik weigerte, seinen aus etwas unrühmlichen Gründen zum Protestantismus übergetretenem König (ja, das war der mit den 6 Ehen) als sein Kirchenoberhaupt anzuerkennen und zuletzt bestehen heutzutage durchaus Zweifel ob seine Utopia nicht eher als ein satirisches Gedankenspiel gedacht war, denn als "kommunistisches Manifest" (Morus war Beamter Heinrichs VIII, nicht gerade eine Stellung, die in ihm einen kommunistischen Schwärmer vermuten läßt). Ansonsten sind Shakespear, Hume, Locke, Hobbes, Smith und Ricardo Kinder dieser Zeit und soweit ich weiß alle eines natürlichen Todes gestorben.
Wie gesagt, ein Phänomen der Aufhebung feudaler Zwänge (d.h. die Überschneidung bäuerlicher Besitz- und grundherrlicher Eigentumsrechte mit von Fall zu Fall unterschiedlichen, meist nur gewohnheitsrechtlich festgelegten und bis in kleinste Nutzungsdetails gehende Regelungen, die eine Anpassung der Bodennutzung nach Marktlage verhinderte, weil sich Bauer und Grundherr gegenseitig bei der Gewinnmaximierung blockierten) hast du ja mit den Enclosures bereits angeführt. Eine für den (kapitalkräftigeren) Bauern etwas glimpflichere Variante wäre, dass der Grundherr, z.B. im Osten Englands, die Almenderechte eliminiert und den Bauern das ehemalige Almendeland, das er vorher mit mit seinen Mitbauern und der Dorfarmut teilen musste, zur Pacht überlässt.


Ich hoffe, dass ich euch mit meinen immer etwas ausufernden posts nicht allzusehr auf die Nerven falle. Mir liegt als Laie, der allenfalls hier und da mal ein paar Theoriefetzen zur Landwirtschaft aufgeschnappt hat, ehrlich daran, solche Thesen mal Leuten vorzutragen, die von der ganzen Sache auch praktisch eine Ahnung haben und mir gegebenenfalls ins Wort fallen, wenn ich allzusehr anfange zu spintisieren. Ich versuche immer etwas Speck an die Semmeln zu geben und die Hintergründe meiner Fragestellungen offen zu legen, in der Hoffnung, dass es so auch für den Leser etwas interessanter ist.

mfg
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon 251at » Mi Mär 24, 2010 20:31

Ich bezweifele das man die heutige Pfuglose Bodenbearbeitung von der Intensivität her mit einem Hakenpflug vergleichen kann. Vor allem bezweifele ich das man damals auf die Idee gekommen ist (bzw. die Zeit dafür hatte) mehrmals ein Feld zu bearbeiten. Auch heute kann man nicht zwangsläufig davon ausgehen das der Ertrag bei Pfugloser Bodenberabeitung höher ist wie bei mit Pflug. Pfluglose Bodenbearbeitung hat bei einigen Gegebenheiten Vorteile (Erosion, Wassermangel) das wird aber damals kein wirkliches Problem gewesen sein.

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Wieviel Fläche wurde den überhaupt durch den wechsel von Holz auf Steinkohle zum Heizen frei? Ich gehe davon aus das ein großteil des Heizholzes abfälle beim fällen größerer Bäume (z.B. zum Schiffs oder Hausbau wahren.
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon ernesto » Do Mär 25, 2010 0:14

Hallo,

Vielleicht sind die Texte die ich gelesen habe (v.a. SMUL) etwas zu euphorisch, mögliche Ertragssteigerungen werden aber auch eher nebenbei beschrieben, lediglich, dass sich ein kontinuierlicher Humusaufbau vollzieht wo länger auf den Pflug verzichtet wird. Auf alle Fälle scheint aber auch keine stark negative Auswirkung auf die Flächenerträge einzutreten.

Wassermangel war sicher kein Problem angesichts der niedrigen Flächenerträge und des allgemein wärmeren aber auch feuchteren Klimas.

Erosion wird keine Erwägung gewesen sein und auch nach dem Übergang zur Bearbeitung mit Wendepflug allenfalls in Ausnahmelagen ein schwerwiegendes Problem. Immerhin ist aber die Umstellung der europäischen Landwirtschaft (Wendepflug, Dreifelderwirtschaft, Vergetreidung, Ausweitung der Ackerbauflächen) immerhin ursächlich für die Auelehmbildung. Akkumuliert muss die Erosion also im Vergleich zur früheren Bewirtschaftungsform also doch um einiges höher gewesen sein.

Mehrmals überpflügt, nämlich längs und quer, wurden mit Hakenpflug bearbeitete Flächen immer, das ließ sich anhand fossiler Pflugspuren archäologisch nachweisen. Ob das jetzt Erfahrungswerte sind (die Bodenbearbeitung mit Hakenpflug hat ja im Mittelalter schon ein paar tausend Jahre auf dem Buckel) die auch in Hinblick auf Unkraut und Pilzbekämpfung einen Sinn ergeben, oder ausschließlich die Bodenlockerung beförderten, wird sich wohl allenfalls experiementalarchäologisch belegen lassen.

Insgesamt ist mir die Ökonomie von Haken und Wendepflug nach wie vor ziemlich unklar.


Was die Quantität angeht, muss man sich vor Augen halten, dass vor der Kohlenutzung für jegliche Wärmeerzeugung Holz verwendet werden musste. Von der Eisenverhüttung bis zum Backen und Kochen. Und v.a. Backen, Kochen, Heizen sind hier interessant, weil dass Energiebedürfnisse sind, die sich nicht einfach in Gebiete auslagern lassen, in denen eh nur Bäume wachsen. Der Brennholzbedarf sich m.E. aus Bruchholz und den Resten der Holzverarbeitung nicht decken, v.a. da man zunehmend dazu übergeht Bauholz über die Nord-See aus Norwegen und sogar Russland zu importieren*, die Rest also wegfallen. Wenn sich heute die Forstwirtschaft darüber beschwert, dass ein paar Kaminfreaks, die vielleicht im Winter mal einige Stunden mit Holz heizen die deutschen Wälder leerfressen, scheint es mir unwahrscheinlich, dass sich die Brennholzversorgung nebenbei bewerkstelligen ließe.
Für Großverbraucher (Glas, Eisen, Pottasche, Salinen) ist das ganz gut belegt, die hatten idR eine schriftliche Rechnungslegung und einige davon sind überliefert. Auf dieser Grundlage hat Rolf Sieferle das ganze für einen Modellhochofen durchgerechnet. Ihm zufolge müssen auf einem Areal von 20.000 ha (weil Holzkohle wegen ihrer Porosität nicht über längere Strecken transportiert werden kann, wenn sie für den Hochofeneinsatz brauchbar bleiben soll) für einen Hochofen mit einer Jahresleistung von 500t Eisen 5.000 ha Niederwald stehen, damit der Hochofen nachhaltig mit Brennstoff versorgt werden kann. Bei diesem Niederwald (idR Buche, weil sie aus dem Stumpf ausschlägt und man sich daher die Arbeit für die Neubepflanzung spart) ist im Wesentlichen eine intensive Holzplantage mit 20jähriger Rotation, die kaum Nebennutzung (z.B. Waldweide) gestattet. Der alltägliche Jedermann-Brennholzverbrauch ist natürlich deutlich schlechter bis gar nicht quellenmäßig erfasst. Da wird mir wahrscheinlich am Ende nichts übrig bleiben als eine Vielzahl von Einzelerscheinungen (Landverkäufe, Landschaftsbeschreibungen, Erwähnungen von Steinkohlefeuerung, Anlandung von Steinkohle in Häfen etc.) zu interpretieren, zu einer möglichst dichten Beschreibung zusammenzufassen und vorsichtig Schlüsse zu ziehen.

Ich versuch mich mal an einer Überschlagsrechnung:
Der jährliche Wärmebedarf eines modernen Haushalts liegt bei 20 MWh, ein vormoderner Haushalt heizt vielleicht nicht so viel, dafür effizienter und er kocht auch mit Holz und nicht mit Strom. Macht pro Haushalt ca. 5t Holz pro Jahr (Der Brennwert von Buchenholz ist 4 KWh/kg), ich denke es ist sehr optimistisch geschätzt auf den verarmten vormodernen Waldböden diese Holzleistung nachhaltig von 1ha zu erzielen. Bei einer Bevölkerung Englands 1650 von etwas über 5Mio macht dass 1 Mio ha und damit immerhin knapp 10% der Gesamtfläche Englands allein für Heizen und Kochen. Hinzu kommt, dass diese Brennholzmenge tendenziell in den fruchtbarsten Regionen benötigt wird, da diese dichter besiedelt sind (Transport? Flößerei?).

n8
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon 251at » Do Mär 25, 2010 10:01

Wurde damals überhaupt geheizt? Normalerweise doch nur einen Feuerstelle im Haus und die diente Primär zum Kochen. Den Wärmebedarf eines heutigen Hauses mit dem eines damliegen zu gleichzusetzen halte ich auf jeden fall nach meinen Gefühl für falsch.
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon ernesto » Do Mär 25, 2010 13:15

Hallo,

ja, die Rechnung enthält viele Unbekannte. Die 5t waren ganz dreist ergooglet und gelten für eine Pelettsheizung 8). Ich versuche es mal mit einer wenier gewagten Herleitung: Ausgehend davon, dass unsereins für seinen Kamin im Jahr mindestens 1 rm Holz braucht und dabei heizt der Kamin allenfalls im Winter ein paar Stunden nach Feierabend und durchaus nicht jeden Tag, rechne ich mal damit, dass allein für die Essenszubereitung 2-3 rm nicht zu kurz gegriffen sind (nach Adam Riesling sind das zweieinhalb bis dreieinhalb Scheite a 10x30 cm pro Tag). Vielleicht muss man noch etwas zuschlagen um im Winter ggf andere Räume/Gebäude auf annehmbarer Temperatur zu halten und für andere häusliche Wärmebedürfnisse (Backen, Baden). Wenn man die 2-3 rm/Jahr annimmt, kommt man auf 5% der Fläche, wenn man m.E. realistischere Nachwuchsraten von 2-3 rm/ha annimmt (4-8 rm/ha werden m.W. in der heutigen Mitteleuropäischen Forstwirtschaft erzielt, der vormoderne Wald war aber zusätzlich Nährstoff-Zuschussgebiet und Weide, außerdem war das Klima schlechter ("Kleine Eiszeit") und der Wald nach einhelliger Meinung der damals schlüpfenden ersten Forstwirte ziemlich "ruiniert"), ist man wieder bei 10% und wenn man ganz gemein ist und hohen Verbrauch mit niedrigen Erträgen verknüpft, sind wir auch mal bei 20% der Fläche. Das sind letztlich alles Zahlenspiele pi mal Daumen mal Fensterkante, gibt mir aber erstmal Hoffnung das in der Richtung sich etwas bewegt haben könnte. Ein wenig volkskundliche Literatur zu Heizgewohnheiten scheint es ja zu geben, müsste man mal reinschauen um vielleicht was zitierfähiges in den Händen zu halten.

Neben dem häuslichen Verbrauch gibt es ggf. noch weitere Brennholzverbraucher, deren Verbrauch ich aber nicht mal ansatzweise einzuschätzen weiß:
Bäcker
Brauer (die haben im 17. Jh. Technologien entwickelt, die die bisher unmögliche - weil der Schwefel das Bier verdarb - Steinkohlenutzung ermöglichte)
Holzkohle für Metallverarbeitung (Schmiede) und für diejenigen, die es sich leisten können damit zu heizen (Masserelation Rohstoff Holz zu Produkt Holzkohle liegt bei ca. 8:1),
Das Darren von Getreide zur Haltbarmachung ist seit dem Neolithikum bekannt, k.A. ob es angewandt wurde?
u.v.a.m.???

Geheizt wird, allerdings "for surprisingly short periods and to relatively low indoor temperatures" wie die energiegeschichtliche Handbuchliteratur zu berichten weiß. Letzteres hängt aber ggf. weniger mit geringem Holzverbrauch, als mit miserabler Wärmedämmung zusammen. Öfen kommen in Deutschland auf dem Land ab dem 15. Jh. in Gebrauch. Man könnte sie als Sparmaßnahme gegen Holzverschwendung durch offene Feuerstellen betrachten. Herde sind dagegen noch lange offen (nur dreiseitig ummauert) und damit ineffizient.
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon SHierling » Do Mär 25, 2010 13:35

Vor einem "dreiseitig ummauerten Herd" (heutzutage aka Kaminofen) hast Du auch noch nicht gesessen, oder?
Geheizt wurden zB auch Kliesen (Kiefernzapfen), es wurde "geknüppelt" (trockene Äste abgeschlagen), und anderswo auch Plaggen genutzt.
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon 251at » Do Mär 25, 2010 15:04

Man sollte auch bedenken das die Landschaf damals nicht so aufgeräumt war wie heute. Es gab mehr einzelstehende Bäume bzw. Büsche. Und bei England denke ich auch immer an Hecken.

Die heutigen Kaminheizer sind was die Holzqulität angeht wesentlich wählerischer wie die damaliegen Menschen. Es war eben kein Hobby und Arbeitskraft war billig.
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Re: Agrargeschichte der Industrialisierung

Beitragvon SHierling » Do Mär 25, 2010 16:06

Soweit ich weiß, hat man auch nicht freiwillig mit Kohle geheizt, sondern halt weil das Holz zu teuer wurde.
In "Haushältliche Öfenkunst" (1666) steht zb, das man sich in Frankreich und Holland aus "Mangel an Holz" mit Kohlen und Torf "behelfen muß". Da wird auch ein Buch erwähnt, das "Die Holz-Spar-Kunst" (1618) heißt .
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