ich studiere Geschichte und arbeite gerade an einem Aspekt der Agrargeschichte Englands vor und zur Zeit der Industrialisierung. Meine These ist, dass die Produktivitäts(!)steigerung der Landwirtschaft in diesem Zeitraum auch mit der Entlastung der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Nutzungsarten zusammenhing, die nicht der Produktion von Nahrungsmitteln diente. (In dem Sinne vll. auch heute interessant zur Frage der Biomasse-Energieerzeugung). Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Ablösung von Brennholz durch fossile Kohle. Um einen derartigen Nutzungswandel historisch nachzuvollziehen, kann man natürlich nicht ganz England untersuchen und daher stellt sich mir die Frage der regionalen Eingrenzung meiner Arbeit. Genauer, nehme ich mir eine Gunstregion vor, oder eine Ungunstregion.
Frei werden ggf. als intensiver Niederwald genutzte Flächen, die für den Ackerbau unterhalb der Marginalitätsschwelle liegen. Frei werdende Flächen werden also entweder als Weide oder als Waldweide genutzt werden. Das ist kein Problem, denn die englische Bevölkerung stagnierte bis ins 18.Jh. ein höherer Getreidebedarf bestand also nicht, es sei denn:
. Etwas konterintuitiv bin ich auf den Trichter gekommen, dass ein Zuwachs, auch ackerbaulich marginaler Flächen, in Gunstgebieten, die sich auf die Produktion von Getreide spezialisiert haben (in diesem Falle die engl. Ostküste) größere positive Auswirkungen hat, als in Ungunstgebieten, die vornehmlich Viehzucht betreiben (der Westen Englands).Das scheint mir zumindestens sinnvoll, wenn vier Vorannahmen plausibel sind:
1. Agrarische Produzenten maximieren den Nutzen ihres Besitzes.
2. Eine Nutzenmaximierung kann zu interregionaler Spezialisierung führen, da Warenaustausch von Agrarprodukten möglich ist.
3. Ein landwirtschaftlicher Betrieb benötigt vor dem Verfügbarwerden mineralischer Düngemittel eine lokale idR integrierte Düngemittelquelle. Das Verhältnis von Viehproduktion zu Getreideproduktion kann also im Schnitt auch in auf Getreideproduktion spezialisierten Betrieben nicht unter einen bestimmten Wert fallen.
4. Die Nachfrage nach Getreide ist unelastisch, die Nachfrage nach Fleisch wächst bei steigenden Reallöhnen, was während des Untersuchungszeitraumes der Fall ist.
5. In einem landwirtschaftlichen Gunstgebiet wird der Anteil des Weidelandes nicht durch dessen Marginalität für den Ackerbau, sondern durch das minimale Verhältnis von Viehzucht zu Ackerbau bestimmt. Dies führt dazu, dass in landwirtschaftlichen Ungunstgebieten ab einer bestimmten Getreidenachfrage Boden für Ackerbau verwendet werden muss, der geringere Erträge bringt, als Boden der in Gunstgebieten für Viehzucht verwendet wird.
6. Vor dem Freiwerden von Boden aus der energetischen Nutzung (Niederwaldplantage) gilt bereits regional (Nieder)Wald steht auf schlechtem Weideland, Weideland steht auf schlechtem Ackerland.
denn dann wird auch wenn Flächen hinzukommen, die momentan im Gunstgebiet unterhalb der Marginalitätsschwelle für Ackerland liegen, nunmehr in Ackerland umgewandelt. Im Ungunstgebiet wird eine noch größere Fläche Ackerland zu Weideland. Die (Flächen)Produktivität des Ackerbaus ist also gestiegen. Ebenso ist aber die (Flächen)Produktivität und Produktion von Vieh gestiegen. Beides ist im England des 17.-19. Jh der Fall.
Andersherum, wenn in Ungunstgebieten zusätzliches Weideland frei würde, würde sich zwar die Produktion, nicht aber die Produktivität der Viehzucht erhöhen, der Getreideanbau bliebe vollkommen unberührt.
Das Modell soll erstmal ausschließlich die Auswahl einer bestimmten Region legitimieren und nicht den Produktivitätszuwachs der englischen Landwirtschaft erklären noch soll damit im Umkehrschluss meine eigentliche These gestützt werden (die ist letztlich davon abhängig, inwieweit in dem untersuchten Gebiet tatsächlich Flächen für die Nahrungsmittelproduktion erschlossen wurden).
Meine Frage ist, sind meine Annahmen und die These in den Augen des hier versammelten Sachverstandes plausibel (insbesondere Annahme 3 und 5?
(Bitte zu bedenken, dass wir uns in einer Zeit vor Eisenbahn und Mineraldünger befinden und Gülletrain is not a viable option)
mfG und vielen Dank im Voraus
Ernesto


: "Akademiker in die Produktion!"), also muss ich mich an heutigen landwirtschaftlichen Praktiken orientieren. Die Bodenbearbeitung ohne Pflug (also mit Grubber, danke Hans für das Stichwort) sehe ich dabei bodenmechanisch als dem Hakenpflug verwandt, weswegen ich dieses Fass aufgemacht habe. Wenn ich die Ergebnisse die mit der pfluglosen Bodenbearbeitung jetzt richtig interpretiere bringen sie tendenziell - wegen der Anreicherung von Humus - leicht höhere Flächenerträge. Auf der anderen Seite verlangen sie mehr Sorgfalt beim Einarbeiten von Streu und Dünger, damit Pilzbefall nicht entsteht und Unkraut in Grenzen gehalten wird. Was überbleibt wird heute mit Herbiziden/Fungiziden bekämpft. Diese Möglichkeit hatte die frühmittelalterliche Landwirtschaft natürlich nicht, also musste mit mehr Arbeit pro Fläche kompensiert werden um z.B. mehrmals und überkreuzend mit Hakenpflug zu überpflügen oder Unkraut händisch zu bekämpfen. Übrig bleibt vielleicht eine höhere Anfälligkeit mit Hakenpflug bearbeiteter Felder für Pilzbefall. Möglicherweise geht darauf die Nutzung eher kleinerer, dafür mehrerer Felder in dieser Zeit zurück, so dass bei Befall eines Feldes noch andere übrig blieben um über den Winter zu kommen (sofern das die für Pilzbefall typische Dynamik ist?). Wir haben also ggf. für den Hakenpflug einen höheren Flächenertrag, aber höheren Arbeitsaufwandt pro Fläche. Für den Wendepflug einen niedrigeren Arbeitsaufwand und damit die Möglichkeit pro Hof eine größere Fläche mit Getreide zu bestellen und insgesamt pro Hof einen größeren Überschuss zu liefern. Dies kommt zum Tragen, wenn die Grundherrschaften höhere Getreidezinsen abpressen oder eine wachsende nicht-bäuerliche Bevölkerung mit Getreide versorgt werden muss. Für die kleine Subsistenzproduktion von Getreide wie sie für die bäuerlichen Wirtschaften (nicht aber für die adeligen Eigenwirtschaften) des Frühmittelalters charakteristisch waren mag sich die Investition in ein schweres Gespann und in Rodung von Waldflächen nicht gelohnt haben oder die höheren Flächenerträge lohnten im kleinen Rahmen auch den höheren Arbeitseinsatz. Das Pilzproblem wird sich, zumal es ja ein graduelles ist, also nur mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit bei Wendepflug und Hakenpflug auftritt, wohl im Bewusstsein des Mittelalters nicht abgebildet haben. Die Verursachung des Antoniusfeuers durch das Mutterkorn war ja im Mittelalter auch unbekannt.