Ein Fachthema? Aber na klar - das muss gleich politisiert werden.
Nun gut, warum nicht. Ich geb mal meinen Senf dazu:
Ich kenn da einen, der wohnt in meinem Haus und schläft auch ab und zu mal in meinem Bett. In den nicht wenigen Nächten dazwischen darf er in einem kleinen Landkrankenhaus arbeiten, leider auch immer öfter auf einem Rettungsmittel. Richtig an dem bisher geschriebenen sind nur zwei Fakten:
1. Es gibt immer mehr Einsätze im Rettungsdienst, auch vor Allem Einsätze mit Notarztindikation.
2. Es gibt immer weniger Notfallmediziner - also Notärzte - die auch bereit sind außerhalb der normalen Zeiten sich auf den Rettungsmitteln ausbeuten zu lassen.
Warum ist das so? Ich versuche das so kurz wie möglich zu halten :
1 a) Es gibt immer mehr (meist alte), kranke, schwerkranke und mehrfacherkrankte Menschen. Und diese brauchen immer häufiger nicht nur die Sani's (die inzwischen sehr gut ausgebildet werden) sondern eben öfter einen Notarzt.
1 b) Unsere schöne ärztliche Lobby hat es bis vor ca. 10 Jahren geschafft, die Notarzt- Indikationskataloge (das sind Diagnosen bei denen der Notarzt grundsätzlich dazugerufen wird) stark auszubauen. Man erhoffte sich dabei durch diese Erweiterung weitere lukrative Arbeitsfelder (Prinzip Angebot <-> Nachfrage) zu erschließen. Die Bürokraten unserer tollen Ärztekammern hatten nur vergessen, das wir keinen Nachwuchs haben.
1 c) Die Menschen sind wesentlich besser informiert. Sie lernen in den Medien immer den Casus Maximus, Worst Case oder GAU. Wenn Du vor 30 Jahren Rückenschmerzen hattest, dann hast du das auch so am Telefon gesagt und es kam der SanKa. Heute weiss der gut informierte Patient das da auch z.B. ein Herzinfarkt dahinter stecken kann. Also wird der (bei starken Schmerzen normale) schnelle Herzschlag gleich dementsprechend selbst interpretiert und der Leitstellendisponent wird dahingehend auch deutlichst informiert. Und der MUSS dann bei der (fälschlich angenommenen) Herzproblematik einen Notarzt mitraus jagen - obwohl am Ende nur der Hexenschuss dahinter steckt. So ist die Rechtslage. Dadurch sind ungefähr 50% der Notarzteinsätze Bagatelleinsätze, die definitiv keinen Arzt benötigt hätten.
1 d) Die Rechtslage des deutschen Medizinwesens, v.a. in der Notfallmedizin, stammt in ihren Grundsätzen aus den 60ern. Unsere schlauen Anwälte klagen wie wild und kommen damit auch immer öfter durch. Selbst kleine Fehler und Schäden werden rechtlich verfolgt. Meist gibt es ewige Prozesse, die aber oft dann mit Vergleichen beigelegt werden, auch weil das Ziel der Prozesse nicht das Erlangen von Recht ist sondern das Erlangen von Geld.
1 e) Jeder Mensch nach einem eingetretenen Schaden (zu dem auch der Tod gehört) auch immer gleich einen Fehler vermutet. Keiner fragt sich dann wie der Fall denn OHNE Rettungsdienst und Notarzt ausgegangen wäre - weil ja alle wissen, das die was falsch gemacht haben MÜSSEN. Und dies wird rechtlich immer auch verfolgt - siehe 1d).
2 a) Ich bekomme für 24h Notarztdienst (die ich auf der Wache verbringen muss) lächerlich wenig Geld. In den Kernzeiten, also meinen normalen Arbeitszeiten im Krankenhaus bekomme ich nur mein Gehalt, also NULL € zusätzlich, da ich vom KH aus fahren muss und die das Geld kassieren. Während ich als Notarzt draussen bin, bleibt aber meine eigentliche Arbeit im Krankenhaus liegen, entweder machen die meine Kollegen mit oder ich bleib (unbezahlt) länger.
2 b) Die Ausbildung zum Notfallmediziner wurde in den letzten Jahren deutlich verschärft - zum Glück für die Patienten. Wer aber macht diese Zusatzausbildung (in seiner Freizeit) für die 3,80€ die er dann später mehr verdient?
2 c) Auch die Facharztausbildung (die meist parallel zu absolvieren ist) ist stramm angezogen worden. Also noch weniger Work- Life- Balance und noch weniger Anreiz sich die Nächte um die Ohren zu hauen
2 d) Notfallmedizin ist Stress - Zumindest während der Einsätze. Dazu musst du aus einem besonderen Holz sein, dies betrifft auch die Sani's. Die Verantwortung ist hoch. Unsere leistungsgesteigerten 1,0 Abiturienten (und späteren Ärzte) können dir jede kack Medikamentendosierungsformel runterbeten - mit den emotionalen und psychischen Belastungen können und wollen die aber nichts anfangen. Vor allem nicht für die Entlohnung. Danke an unser abiturfixiertes Medizinstudium.
2 e) 70% aller Medizinabsolventen sind inzwischen Frauen. Und Frauen haben oft keine Affinität zu dem stark hierarischen, und patriarchalischen Strukturen im Rettungsdienst.
2 f) Früher kamen viele über den Zivi oder den Bund in den Beruf (oft als Sanis und danach Studium) und haben da auch die sehr interessanten Aspekte und Seiten des Rettungsdienstes kennengelernt. Diese Basis ist weggebrochen, was alle Beteilligten deutlich zu spüren bekommen. Auch die Sanitäter aller Ausbildungsklassen haben riesige Probleme ihre Stellen zu besetzen. Wer von euch möchte denn als Rettungssanitäter 48h pro Woche (davon ist aber auch ca. 30% Leerlauf auf den Wachen) für 2200€ Brutto arbeiten?
Wall of Text. Tut mir leid. Aber das ist ein komplexes Thema, auch wenn es bei unseren Scharf- und Einfachmachern (willkommen zurück MWD) immer einfache Lösungen gibt. Jeder von Euch kann sich nun mal an seinen übrig gebliebenen Fingerkuppen abzählen, warum sich in dem Bereich Notfallmedizin immer mehr schlecht deutsch sprechende Kollegen einfinden.
g.
PS: Der Schlaganfall geht auf eine Stroke Unit. Der Herzinfarkt in eine Kardiologie mit CCU (Chest Pain Unit). Die abgetrennte Fingerkuppe geht in ein Zentrum für Hand- und Wiederherstellungschirurgie - ich kann da als Notarzt auch nicht mehr machen wie die Sanis (nämlich den Finger RICHTIG einpacken und den Stumpf RICHTIG versorgen). Aber ich darf (dank dem antiquierten deutschen Medizinrecht) im Gegensatz zu denen Schmerzmittel geben.

Ein Botaniker ist sowas wie ein Cowboy, der auf einem Pony reitet