Die inneren Widersprüche der Generation Z
Stand: 14.08.2023 | Lesedauer: 4 Minuten
Von Florentine Seifert
Fünf Prozent der zwischen 1995 und 2010 Geborenen engagieren sich politisch und bestimmen das Image ihrer Generation. Sie sehen sich als Retter der Welt und fühlen sich zugleich als Opfer der Umstände – ein Widerspruch, aus dem es nur einen Ausweg gibt.
Work-Life-Sleep-Balance und Komasaufen und Diversität – doch wehe dem, der anders will. Die Generation Z (kurz: Gen Z) umfasst alle, die zwischen 1995 und 2010 geboren worden sind. Was sie angeblich auszeichnet: ständige Erreichbarkeit, ein von sozialen Medien bestimmtes Leben, Erfolg im Job, aber bitte nur mit Vier-Tage-Woche.
Klimaschutz ersetzt die klassischen Religionen, aber zum Urlaub gehört der Flieger. Gegen den Kapitalismus wird fleißig getwittert, aber selbstverständlich auf den neusten Apple-Produkten. Es ist eine Generation, die in einer Utopie lebt, sich gleichzeitig als Retter der Welt und als Opfer der Umstände sieht.
Doch die Wahrnehmung der Gen Z wird nur von einem kleinen Teil dieser jungen Menschen geprägt. Nur fünf Prozent von ihnen sind politisch aktiv, sie bestimmen jedoch das Bild, das sich die Welt von ihnen macht. Wurde die vorhergehende Generation – also die konfliktscheuen Millennials – noch als politisch uninteressiert wahrgenommen, will die Gen Z kämpfen. Für soziale Gerechtigkeit, für Akzeptanz und Toleranz, für den Klimaschutz.
Jeder soll die Möglichkeit haben, sich frei zu entfalten, unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen. Aber sind die Aktivisten der Gen Z wirklich so tolerant, setzen sie sich tatsächlich nur für Gerechtigkeit und Gleichheit ein – oder gehen sie nicht vielmehr rabiat mit anderen Meinungen um? Denn wer nicht genauso rabiat für exakt die Toleranz kämpft, die der Generation besonders am Herzen liegt, wird nicht toleriert.
Die Generation Z sucht die Öffentlichkeit. Um auf Probleme aufmerksam zu machen, wird auf die Straße gegangen. Gerne im revolutionären Gehabe. Nicht in die Schule zu gehen, um zu protestieren, ist ein Protest in sich selbst – die Schulpflicht wird ignoriert, die Chance, sich schulisch zu bilden, zurückgestellt. Wäre Fridays for Future an einem Sonntag, würden wohl nur halb so viele teilnehmen.
Fakten werden verdreht oder ignoriert
Freigeist und Nächstenliebe, demonstrativ hochgehalten, weichen schnell Intoleranz und Engstirnigkeit, sobald die Wünsche nicht mit einem Fingerschnipsen erfüllt werden. Zwar unterstellt dank Gen Z kaum noch jemand der Jugend Politikverdrossenheit, aber häufig agiert sie auf Kosten des Intellekts. Fakten werden verdreht oder ignoriert, um die eigenen Interessen effektiver durchzusetzen.
Beispiel Klimawandel: Nichts liegt der Gen Z so sehr am Herzen wie der Klimaschutz, für den mitunter sogar militant gekämpft wird. Doch es interessiert die wenigsten Gen-Zler, dass Deutschland an den globalen CO₂-Emissionen nur einen Anteil von gerade einmal zwei Prozent hat. China hingegen 30 Prozent. Würde Deutschland heute von der Weltkarte verschwinden, hätte das also nur sehr geringe Auswirkungen auf das Klima. Dass Deutschland möglichst schnell den CO₂-Ausstoß reduziert, ist angebracht, aber eben nicht ausreichend.
Ebenso selbstzentriert ist der Atomausstieg, wenn man bedenkt, dass etwa China 47 neue Atomkraftwerke plant, Russland 25 und Indien zwölf. Aber dass durch den Atomausstieg deutlich länger auf Kohle und Gas gesetzt werden muss, interessiert die ansonsten so klimabewussten Gen-Zler nicht. Wird darauf hingewiesen, heißt es schnell, einem sei der Klimaschutz egal.
Besonders viel Engagement zeigt die Generation auch bei der Ablehnung der kulturellen Aneignung. Was bedeutet, dass man sich unter keinen Umständen die Eigenschaften einer Kultur aneignen darf, zu der man selbst nicht gehört. Also: keine Dreadlocks, keine Kostüme, die andere Kulturen – etwa Mexikaner – darstellen sollen. Selbst Yoga wird bereits als problematisch angesehen.
Was zur Folge hat, dass etwa einer Frau, die helle Hautfarbe und Dreadlocks hat, verboten wurde, bei Fridays for Future aufzutreten. Synchronsprecher, die nicht gebürtig aus Indien kommen, sollen keine indischen Figuren mehr vertonen. Doch wenn man so bedacht auf kulturelle Korrektheit ist, wo zieht man dann die Grenze?
Denn nach dem radikalen Prinzip, dem nicht wenige Gen-Zler sich unterworfen haben, wären Sushi, Jazz oder Hip-Hop ebenfalls Aneignung. Zwar geht es, so jedenfalls die Theorie, darum, das profitorientierte Verwerten von Kultur zu stoppen, doch wer entscheidet, ab wann man das tut?
Auch in den eigenen Reihen gibt es offensichtliche Widersprüche. Jeder spricht sich für Balance aus, für einen gesunden Lifestyle und dafür, ein Bewusstsein für mentale Probleme zu entwickeln.
Doch Nikotin und Alkohol wurden zu den treuesten Gefährten, seit der Pandemie sind die Anorexie-Fälle deutlich gestiegen, und es wird gerne damit kokettiert, an einer mentalen Krankheit zu leiden, ohne sich der Ernsthaftigkeit des Themas bewusst zu sein. Von Authentizität ist nicht viel zu merken, denn alle tun ihr Bestes, den Normen des Internets gerecht zu werden. Das Ganze wirkt mehr verloren als bestimmt.
Nein, diese Generation ist von Paradoxien durchzogen. Gefangen zwischen Rettern und Opfern wollen sie so balanciert wie möglich leben, auch wenn bei genauerem Hinsehen die ganze Generation aus der Balance ist. Sollte sich die Gen Z bei so vielen Widersprüchen nicht erst einmal um sich selbst kümmern, bevor sie die Gesellschaft verbessern will?
Die Autorin ist 17 Jahre alt und besucht die Anna-Schmidt-Schule in Frankfurt am Main.
Quelle: Welt Online vom 14.08.2023
Quellangaben zu Online-Inhalten bitte immer mit Link: https://www.welt.de/debatte/kommentare/ ... aetze.html
Und bitte keine Vollzitate, sondern eher nur einen Absatz als "Appetitanreger" ...
Falke

Ein Botaniker ist sowas wie ein Cowboy, der auf einem Pony reitet